Textatelier
BLOG vom: 04.08.2005

Zur Einsichtnahme: Iran = Persien = Sa’dis Rosengarten

Autor: Emil Bschnonga

Die unermüdlichen Säbelrassler und Kriegshetzer bedrohen den Iran wegen der Nuklearanlage von Isfahan. Werden sie brutal zuschlagen, wenn das Land seine Nuklearpläne nicht aufgibt? Die EU hat mit dem Abbruch der Verhandlungen mit „Massnahmen“ gedroht. Der Iran schien zuerst nachzugeben; doch die neue konservative Führung unter Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad scheint Standfestigkeit zu beweisen. Einmischungen von aussen und die Infiltration westlicher Kultur sind im Iran unerwünscht. Der Islam gilt, nicht der Neoliberalismus.

Die Besatzungstruppen sind gleich nebenan im zerschlagenen Irak. Erst durch Kriege lernen die Amerikaner Geographie. Noch immer werden Iran und Irak verwechselt.

Im grauenhaften Krieg zwischen Irak und Iran (1980 bis 1988), kurz nach der Machtübernahme durch Saddam Hussein (Irak) und Ruhollah Khomeini (Iran), hatten die USA ausgerechnet Hussein unterstützt … Die Kultur beider Länder interessiert sie überhaupt nicht. Farsi heisst die persische Sprache und ist „das Latein des Ostens“ (bis tief nach Indien hinein reichend).

Jetzt ist der Irak ein kultureller Trümmerhaufen. Hoffentlich bleibt dem altehrwürdigen Persien dieses Schicksal erspart. Ansonsten würden die schwachen Ansatzpunkte zur Demokratie aus eigenem Antrieb im Lande selbst auf Anhieb zerstört.

Zu diesen Ansatzpunkten gehören Filme aus der persischen Gegenwart: wahre Meisterwerke, wie „The White Balloon“, „The Apple“, „Colour of Paradise“ und „The Last Supper“. Abseits der Politik decken sie das weiche, poetische Herz der Perser auf.

Eines der berühmten persischen Werke heisst „Der Rosengarten“ oder „Der Gulistan“, anno 1258 von Sa’di (1200 in Shiraz geboren und 1290 gestorben) geschrieben. Er bereiste viele Länder Arabiens und kannte die Denk- und Lebensweise der Derwische und Sufis. Ich pflücke hier einige seiner Rosen, von mir etwas gekürzt und aus dem Englischen verdeutscht, denn sie widerspiegeln wörtlich die kulturelle Vielfalt Persiens:

„Einer der Könige von Persien berief einen fähigen Doktor ins Land. Dieser verweilte dort einige Jahre, ohne dass ein Kranker zu ihm kam. Der Doktor beklagte sich beim Propheten, der ihm sagte: ‚Es ist Brauch in Persien, dass Leute nur essen, wenn sie hungrig sind. Selbst dann lassen sie etwas auf dem Teller übrig.’ ‚Das also ist der Grund zur Gesundheit!’ sagte der Doktor dankbar und verliess das Land.“
„Ich fragte einen guten Mann über die Vorzüge der Sufi-Brüderschaft. ‚Nicht zuletzt’, erhielt ich zur Antwort, ‚erweisen sie nicht sich selbst, sondern anderen Leuten Gefallen. Das stimmt mit der Weisheit der Philosophen überein, denn wer nur sich selbst gefällt, (der) ist weder ein Bruder noch Verwandter der Sufis.’“
„Ein Mann leierte laut und mit krächzender Stimme aus dem Koran. Im Vorübergehen fragte ihn jemand, was er dabei verdiene. ‚Nichts’, erwiderte er.
‚Warum tust du das?’
‚Um Gottes willen.’
‚Um Gottes willen, lese lautlos!’"

Der letzte Teil des „Gulistan“ ist den Lebensregeln gewidmet; daraus einige Beispiele:

„Wer Gutes unterlässt, wenn er es vermöchte, wird dulden müssen, wenn er es nicht mehr zu tun vermag.“
„Schweigen sollte der Unwissende. Brächte er dies fertig, wäre er ein Wissender.“
„Wer Wissen nicht übt, gleicht einem, der einen Ochsen hat und ihn nicht vor den Pflug spannt.“
„Der Hunger treibt Vögel in die Fallen. Wenn die Fallen fehlten, hätte der Vogelfänger keinen Hunger.“
„Was nicht in Gestellen aufliegt, kann keine Hand erreichen. Was hingegen aufliegt, wird von allen Händen erfasst, wo immer es ist.“
„Wer einem Dickschädel einen Rat erteilt, der braucht selbst Rat.“

Wo diese Dickschädel sind und wie sie heissen, ist bekannt. Leider prallt jeder Rat an ihnen ab. Sie sollten entthront werden. Die Welt wäre schöner ohne sie.

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